Anthropine
Anthropine   

Die Anthropine - erklärt von Gustav Jaeger

Aus „Selbstarznei und Heilmagnetismus“
Prof. Dr. med. Gustav Jaeger – Julius Hoffmann Verlag Stuttgart 1908

© Selma Gienger
 

Die äußeren Selbstarzneien


Ester Teil
Es ist merkwürdig, wie wenig Personen es gibt, die darüber nachdenken und davon Kenntnis haben, dass jedem Lebewesen äußerlich etwas anhängt, das von ihm selbst erzeugt wird, ein sicheres, untrügliches Erkennungsmittel seiner Persönlichkeit ist und etwas, das in seinem Tun und Lassen eine so große Rolle spielt, wie in Nachstehendem gezeigt werden soll. Glücklicherweise ist aber neuerdings eine Einrichtung im öffentlichen Dienst getroffen worden, die doch wohl so weit und in solchem Umfang bekannt ist, dass man von der Sache reden kann, ohne für einen Narren gehalten zu werden, der Gebrauch des Polizeihundes. Schon vor 25 Jahren habe ich in meinem Werke: G. Jaeger, „Entdeckung der Seele“ erklärt, dass jeder Mensch eine individuelle Wittrung d. h. einen Ausdünstungsgeruch besitzt, den er so gut wie jedes Tier nicht bloß in die Luft sendet, sondern auch auf alle Gegenstände überträgt, mit denen er in Berührung kommt.


a) Auf dem Boden, über den er geht, hinterlässt der Mensch mit seinen Füßen selbst durch die Fußkleidung jeder Art hindurch einen sogenannten Fährtengeruch, eine Spur, die einen Hund instand setzt, seinen Weg zu verfolgen und deren Geruch so eigenartig ist, dass ein Hund die Fährte einer bestimmten Person von der jeder andern zu unterscheiden vermag. Darauf beruht der Gebrauch des Polizeihundes, der übrigens keine Erfindung der Neuzeit ist; denn seit der Mensch den Hund gezähmt hat, hat er ihn jederzeit nicht bloß zur Verfolgung und Auffindung des Wildes gebraucht, sondern auch zu der von Menschen, -ich erinnere nur an den Gebrauch der Bluthunde – und man hat dies getan, weil man sich Tag für Tag davon überzeugen konnte, dass der Hund die Spur seines Herrn mit einer tadellosen Sicherheit findet.


b) Diesen Riechstoff gibt der Mensch nicht bloß mit den Füßen auf seiner Fährte ab, sondern ebenso mit den Händen an alles, was er berührt. Davon kann man sich schon mittels der Augen überzeugen. Wenn man ein reines Glas (z. B. ein Brillenglas) mit den Fingern berührt, so hinterlässt man einen Fettfleck, den man deutlich sieht. Dieser fettige Stoff, der sich natürlich auch in den Kleidern jedes Menschen absetzt, ist also auf tote Körper übertragbar. Wenn ein Mensch. Wenn ein Mensch von einem Steinhaufen einen Stein aufnimmt und wieder dorthin zurückwirft, so findet der Hund den berührten Stein mit Sicherheit, ohne ihn je gesehen zu haben, wenn er überhaupt „Suchverloren“ macht, und man hat den Hund seit jeher mit Erfolg benützt, nicht bloß Menschen auf der Fährte aufzufinden, sondern auch gestohlenes Gut.


Das alles sind Tatsachen, die jedem Zoologen und Jäger geläufig sind, und ich war nicht wenig erstaunt, als sich seinerzeit bei Veröffentlichung meiner Arbeit über diesen doch mindestens hochinteressanten individuellen Riechstoff des Menschen, dem ich den Namen Anthropin gab (von Anthropos, der Mensch), gerade in den Kreisen, die den Menschen am besten zu kennen behaupten, ein Echo hören ließ, das ich hier nicht näher bezeichnen will.


Fast gleichzeitig, als ich meine Studien über die Riechstoffe des Menschen veröffentlichte, kam man von anderer Seite darauf, einem Stoff in technischen und ärztlichen Kreisen seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, der physiologisch auf der ganz gleichen Stufe steht, wie das oberflächlich auf der Haut und an den Haaren des Menschen befindliche „Anthropin“, nur mit dem Unterschied, dass es nicht vom Menschen, sondern von einem Tier, dem Schaf, stammt. –


Die spezifischen bis individuellen Riechstoffe, von denen jede Tierart ihren eigenen besitzt, sind enthalten in einem Fette, dem sogenannten Hauttalge, der aus kleinen Drüsen stammt, die bei Haartieren an der Wurzel jedes Haares angebracht sind und bewirken, dass die Haare sowie dieHaut ständig mit diesem fettigen Überzug versehen sind. Bei unsern Schafen sind mit der Verstärkung ihrer Haarentwicklung auch diese Talgdrüsen zu stärkerer Entwicklung gelangt und die Wollhaare der Schafe enthalten so große Mengen dieses Fettes, dass es ein Abfallerzeugnis bei der Wollspinnerei bildet und schon längst ein eigener Gebrauchsgegenstand war.

 

Die alten Griechen und Römer, die ja der Hauptsache nach auch schafwollene Kleidung trugen, verstanden die Bedeutung dieses Stoffes als einer Heilsubstanz, insbesondere für die Haut. Sie bildete bei ihnen unter dem Namen „oesypum“ einen wichtigen Bestandteil der Kosmetik. Dieses Wissen war längst verloren gegangen und die neuzeitlichen Fabrikanten des Wollfetts fanden für diesen Artikel keine andere Verwendung, als zur Bereitung von Wagen-und Lederschmiere.
Darin trat eine Änderung von zwei Seiten her ein:
1 Durch meine Verbindung mit der Wollindustrie erfuhr ich, dass in der Fabrik, in der die Blechdosen für das Wollfett gefertigt wurden, die Arbeiter bei ihren häufigen Verletzungen die Beobachtung gemacht haben, dies Fett sei eine ausgezeichnete Wundsalbe. Ich teilte das Prof. Dr. Rapp, dem Leibarzt der Königin Olga von Württemberg mit. Wir bestätigten nicht bloß die Heilwirkung, sondern überzeugten uns auch davon, dass dieses Fett niemals ranzig wird – also ein biologisch höchst merkwürdiges Antiseptikum ist. Es kam deshalb das gereinigte Schafwollfett damals unter der Bezeichnung „Dr. Heiner’s anitseptische Wundsalbe“ in den Handel und ist jetzt unter diesem Namen überall in den Apotheken zu haben und hat sich praktisch bewährt. 2 Der Berliner Chemiker Prof. Dr. Liebreich brachte fast gleichzeitig unter dem Namen „Lanolin“ ein mit Wasser gemischtes, eines Teils seiner spezifischen Riechstoffe beraubtes Wollfett in den Handel. Er erkannte dessen Heilkraft nicht, sondern empfahl es nur als beste, weil nicht ranzig werdende Salbengrundlage für Arzneistoffe und dieses Lanolin ist ein bleibender Apothekenartikel.
Im weiteren Verfolg meiner Studien über das Wollfett habe ich festgestellt, dass es sich hier um eine der zweckmäßigsten biologischen Schutzeinrichtungen der Natur handle und zwar so: Viele Lebewesen empfangen aus Drüsen, die auf die Oberfläche des Leibes ausmünden, für diese einen Überzug von einer spezifischen fettigen Substanz, die als „Antiseptikum“ das Geschöpf
1 gegen Bakteriengefahr schützt 2 als Wundsalbe
bei Verwundungen dient. Ihrem Besitz verdanken es die Tiere, dass sie einzig durch Belecken selbst größere Wunden heilen, die sie mit der Zunge erreichen können, während Wunden, die außerhalb des Leckbereichs liegen, für das Tier weit gefährlicher sind. Das ist in den Kreisen von Jägern und Hundhaltern seit jeher bekannt.
Es sei hier nur kurz eingeschaltet, dass diese Schutzeinrichtung sich offenbar nicht bloß auf Tiere erstreckt, sondern auch auf die höher organisierten Pflanzen, die gleichfalls Riechstoffe in oberflächlichen Drüsen erzeugen.

 

Damit eröffnet sich uns eine biologische Perspektive und zwar so: Die spezifischen Riechstoffe der Körperoberfläche, die bei den Pflanzen zur Gruppe der aromatischen und ätherischen Öle, bei den Tieren in die Gruppe der Moschusstoffe gehören, stehen im Dienst der Biologie, 1. sind sie Schutzmittel gegen feindliche Lebewesen a) den Krankheitserregern gegenüber sind sie Antiseptika, b) den größeren Schädigern gegenüber sind sie Ekelstoffe oder Gifte; 2. freundlichen Lebewesen gegenüber sind sie Lockmittel und durch ihren weitreichenden Duft und ihre große Haltbarkeit auf der Fährte Auffindemittel. 3. Sie sind Wundheilmittel gegenüber mechanischen Schädigungen.
Ist man in der Erkenntnis so weit, so ist es eine natürliche Frage, ob diese Einrichtung nicht auch eine weitertragende und nicht bloß auf die Oberfläche des Körpers berechnete sei, sondern ob dem Hautfett der Tiere (also auch dem Anthropin des Menschen) nicht eine Heilwirkung auf innere Organe zukomme? Für die Richtigkeit dieser Vermutung spricht sofort das berühmteste, tierische Arzneimittel: Der Moschus.


Ehe ich mich über diesen sachlich äußere, möchte ich eine sprachliche Bemerkung voraussenden. Das Sanskritwort für „Seele“ heißt Schuschma, zusammengesetzt aus Schusch = Duft, und ma = ich. Für den Sanskritmann war also die Seele der Duft, die Wittrung, der Fährtengeruch des Ich, und der Moschus war der Duft, der Fährtengeruch eines Tieres, eines „Mo“. Wie stimmt dazu das Indianergeheul der gesamten Stubengelehrten, als meine „Entdeckung der Seele“ erschien?


Gehen wir nun zur Sache: Bei den Menschen und den Säugetieren finden sich die Hauttalgdrüsen über den ganzen Körper verteilt, aber nicht überall von ganz gleichmäßiger Beschaffenheit. An gewissen Körpergegenden sind sie gehäuft, auch vergrößert und damit sind auch ihre Absonderungen nicht überall gleich, namentlich nicht überall von gleich starkem individuell ausgeprägtem Geruch. Darüber, welches diese Stellen sind, belehren uns die biologischen Gewohnheiten der Tiere, die man am bequemsten bei den Hunden studieren kann. Wie das Tier auf der Fährte sich bei Auffindung und Erkennung von Freund und Feind durch die Hautriechstoffe leiten lässt, so beriechen sich zum Zweck der Erkennung und Prüfung bei Begegnungen die Tiere besonders eifrig an zwei Körperstellen: 1 Am After, wo die sogenannten Anal-oder Afterdrüsen eine besonders stark duftende Wittrung erzeugen. Diese dient dazu, den Exkrementen – der sog. Losung – der Tiere den individuellen und spezifischen Duft in besonderer Stärke zu verleihen. In Jägerkreisen hat man die Zweckmäßigkeit dieser Natureinrichtung längst erkannt, indem man die Losung eines Tieres dessen „Visitenkarte“ nennt. Am Hunde kann man sich auch überzeugen, dass kein Artgenosse an einer solchen Visitenkarte vorbeigeht, ohne sie zu „lesen“ d. h. durch den Geruch zu ermitteln, wer sie niedergelegt hat. 2 An den Geschlechtsteilen. Hier sitzen die vergrößerten Hautdrüsen in jenen Einfaltungen, die man bei den Männchen als „Vorhäute“ (Präputien), bei den Weibchen als Schamlippen bezeichnet. Ihr Erzeugnis ist eine fettige Schmiere von außerordentlich starkem spezifischem Geruch und wird „Smegma“ genannt. Dieses Smegma ist der Riechstoff, der die Tiere veranlasst, sich bei Begegnung besonders zu beriechen, und wer überhaupt etwas vom Tierleben versteht, weiß, dass das Smegma auch der Träger der Brunstwittrung ist. Sie ist es, die zur Brunftzeit die Geschlechter zusammenlockt und sie in die Aufregung versetzt, die zur Begattung führt.

In dieser Beziehung hat man diesen Stoffen den Namen „Aphrodisiaka“ (Liebesstoffe) gegeben. Das sind sie auch tatsächlich bei Mensch und Tier, aber: Der Geschlechtstrieb ist der stärkste Trieb der Lebewesen, in ihm und mit ihm erfahren die Lebenstätigkeiten samt und sonders ihre gewaltigste Steigerung. Von diesem Gesichtspunkt aus verdienen sie die Bezeichnung „Belebungsmittel“ und vom gleichen Gesichtspunkt aus sind die Smegmen einiger Tiere, vor allem die des Moschustieres, des Bibers, der Zibethkatzen u. s. f. unter die Heilmittel aufgenommen worden. Befragen wir das beste Arzneibuch aus der Zeit vor dem in der Mitte des vorigen Jahrhunderts stattgefundenen Schiffbruch der Arzneikunst (Nihilismus), Sobernheims Handbuch der praktischen Arzneimittellehre, 6. Aufl. Berlin 1851. Dort heißt es Seite 192 vom Moschus: „Der Moschus ist in gewissen Krankheitszuständen eines der unentbehrlichsten Mittel des Arzneischatzes, ohne dass es bisher gelungen wäre, die physiologische Wirkung desselben genau zu erforschen und mit seiner therapeutischen Wirkung in Einklang zu bringen“. (Diese Bemerkung ist sehr charakteristisch; damals hatte man bereits die Holzwege der Physiologie mit ihrem toten Chemismus und Physikalismus betreten, für die das Leben ein vollständiges Rätsel bleibt.)
Bei Sobernheim werden folgende Angaben anderer wiedergegeben:
1. Neumann (Heilmittellehre 1848): „Kampher reizt und schwächt die Nervenkraft, Moschus reizt und stärkt die Nervenkraft. 2. Hiltscher – Wien sagt von dem Moschus: „Seine Erst-und Hauptwirkung ist Erregung des Lebens selbst, die das Fortbestehen der Lebenstätigkeit zur Folge hat. Der richtige Moment seiner Anwendung ist der, wo die Lebenskraft, namentlich bei Blutleere, zu erlöschen droht“. 3. Sobernheim fährt dann fort: „Überhaupt kommt es sehr auf den rechten Zeitpunkt an, wo man den Moschus verordnet. In der Regel hält man ihn nur angezeigt „zur letzten Ölung“, daher auch die Laien ihn als Ankündigung des gewissen Todes betrachten und wegen dieses Vorurteils große Furcht hegen, deshalb reicht man ihn dann auch gewöhnlich zu spät. Der Moschus ist angezeigt in allen Fiebern, mag ihre Ursache sein, welche sie wolle, wenn die Kraft des Herzens der Erschöpfung nahe und die Vegetation im Erlöschen begriffen ist“. – Nachher heißt es dann, beim Nervenfieber (Typhus): „Wenn die Lebenskräfte auf das Äußerste gesunken sind, ist Moschus, nicht zu spät gereicht, die „sacra anchora medicorum“ (der heilige Anker der Ärzte) und vermag drohende Lebensgefahr vorzubeugen“.


Allerdings, die heutigen Ärzte haben den Moschus fast ganz vergessen, nicht weil man mit ihm nicht heilen kann, sondern weil sie mit ihren chemisch-physikalischen Schrullen die natürliche Wirkung des Moschus nicht erklären konnten. Dazu kam natürlich der hohe Preis und die Furcht des Publikums und heute vertritt als „Notnagel“, als „letzte Ölung“ den Moschus der Kampher, aber: Wenn, worüber ja jetzt doch kein Zweifel mehr bestehen sollte, an der Stelle der Physiologie und Anatomie die Biologie in den Mittelpunkt der Belehrung unserer Ärzte treten soll, so gehört hiezu auch die Wiedereinsetzung des Moschus in seine Rechte als Heilmittel. Überhaupt: Schon vor Jahrzehnten stellte ich die biologische Lehre von den Selbstgiften auf, die ja nichts anderes ist, als die Lehre von der „materia peccans“ der so lange verspotteten Humoralpathologen vor 100 Jahren – allerdings erst, nachdem der Franzose Bouchard die Lehre als „Autointoxikation“ verkündete, kamen unsere „Koryphäen“ hintendrein – aber diesem ersten Schritt muss jetzt auch der zweite folgen: Die Anerkennung meiner Lehre von den Selbstarzneien.
Tut man das, so steht obenan als rocher de bronce der einst hochgefeierte Moschus und damit erhebt sich die Frage, ob nicht die Gesamtheit der Moschusstoffe, die heute ihre biologische, d.
h. nach außen gerichtete Rolle als Träger des Fährtengeruchs, Individualgeruchs, Liebes-und Belebungsstoffes noch gerade ebenso spielen, wie vor Jahrhunderten und Jahrtausenden – ob sie nicht alle miteinander das sind, was man Selbstarznei nennt und – da die Natur niemals nur nach Einer Fliege schlägt, auch Fremdarznei für andere Geschöpfe, insbesondere für die ist, mit denen ihr Träger und Erzeuger biologisch verkehrt, d. h. zusammenlebt.


Als ich mein Buch G. Jaeger „Die Entdeckung der Seele“ schrieb, war ich der naiven Meinung, man brauche nur aus der Natur die den fünf Sinnen des Menschen offen daliegenden Tatsachen herauszugreifen und zusammenzustellen nach den Regeln des gesunden Menschenverstandes, so werde man Verständnis für das Gebotene ernten, aber wie bitter wurde ich enttäuscht! Ich glaubte, zu Menschen mit fünf Sinnen zu sprechen und je weiter ich mich bemühte, von allen Seiten Beweise dafür beizubringen, umsomehr überzeugte ich mich, dass ich zu Menschen sprach, die nur über die Hälfte der fünf Sinne verfügten. Ich bemühte mich vergeblich, den obersten Satz für jede selbsttätige Behütung der Gesundheit „Die Nase ist der Wächter der Gesundheit“, einen Satz, dessen unumstößliche Wahrheit mich jahrzehntelanges Studium der Tierwelt gelehrt hatte, den Leuten begreiflich zu machen – vergeblich, sie hatten keine Nase.


Wenn ich in Frankreich wäre, so würde ich wie Zola ein langes Sündenregister aufstellen, in dem jeder Satz mit „j’accuse“ beginnen würde. Wer ist schuld an dieser unverantwortlichen Vernachlässigung unserer chemischen Sinne? Setzt uns die Natur absichtlich ohne diese lebenswichtige Sinneseinrichtung in die Welt? Nein, und hundertmal nein! Denn jeder Säugling beweist, dass er alle fünf Sinne mit auf die Welt bekommt. Ist diese Unfähigkeit der Erwachsenen Nachlässigkeit, Unverstand, oder Bosheit der Erzieher? Sind die daran schuld, die mit dem Gaukelspiel von Farben, Klängen und Formen die Menschen gleich Fliegen auf den Leim locken wollen zugunsten ihres Geldbeutels? Aber halt! So etwas kann man in Frankreich nicht riskieren und doch wie Zola mit den höchsten Ehren im Pantheon begraben werden, in Deutschland riskiert der Verkünder solcher Naturwahrheiten, lebendig begraben zu werden.

Jeder, der ein Ständchen, ein Ämtchen, oder irgend etwas hat, fragt nicht in erster Linie: „Ist es wahr?“, sondern mit dem Schwaben: „Läuft es mir über mei Äckerle, läuft es mir über mei Wies?“ Und darnach wird gehandelt, denn ein Forum für die Naturwahrheit gibt es bei uns nicht: 1. die Gerichte lehnen in solchen Dingen meist den Wahrheitsbeweis ab, 2. die deutschen Akademien der Wissenschaft sind keine Gerichtshöfe, 3. die Fakultätsprofessoren der Hochschulen scheinen nicht auf die Wahrheit, sondern nur auf Interessen der Schule vereidigt zu werden. Der Verkündiger der Wahrheit ist rein auf sich selber angewiesen und sein Gegner ist geschützt durch den Paragraphen von den berechtigten Interessen.


Was ich vor 30 Jahren „Seele“ genannt hatte, dem musste ich im weiteren Verfolg einen anderen Namen geben, denn das, was von mir obigem Namen erhielt als Lebensfaktor, ist im stofflichen Sinn bei jeder Art von Lebewesen, ja schließlich bei jedem Individuum, chemisch etwas Eigenartiges, Spezifisches, also mussten auch spezifische Namen eingeführt werden. Deshalb gab ich dem Spezifikum des Menschen den Namen „Anthropin“ (von griech. Anthropos, der Mensch) und für die folgende Auseinandersetzung will ich abwechselnd dafür den Namen „Menschenmoschus“ gebrauchen, um anzuzeigen, dass es sich um einen Stoff handelt, der anatomisch, physiologisch und biologisch und endlich bezüglich seiner Heilkraft auf gleicher Linie steht, wie der Tiermoschus.
Es ist natürlich hier ganz unmöglich all das und mit allen Beweisen vorzuführen, was ich über diesen Stoff und seine Wirkung erfahren habe. Wem das wenige nachstehend Gesagte nicht genügt, der muss sich an die von mir herausgegebenen Schriftwerke, noch besser aber mit Selbstversuchen an die Sache heranmachen.


Das Anthropin ist also der Menschenmoschus und enthalten in dem Hauttalg, der den Menschen mit Haut und Haar als feinste Fettschicht überzieht und aus Millionen von kleinsten Fettdrüsen andauernd erzeugt wird, und für mich galt es, Versuche darüber anzustellen, ob und in wie weit diesem spezifischen Menschenmoschus Heilkraft zukommt. Den Weg hierzu hatte mir meine Kenntnisnahme der homöopathischen Arzneizubereitungsmethode gezeigt und es wurden zu den Versuchen von verschiedenen Personen (verschieden an Geschlecht, Alter, Gesundheitsverfassung u. s. f.) die bekannten Haarpillen bereitet, wozu das Fett der Kopfhaare benützt wurde.


Nachdem ich meiner Sache sicher geworden war, legte ich sie 1885 der Generalversammlung des Zentralvereins der deutschen Homöopathischen Ärzte vor und veranlasste eine homöopathische Zentralapotheke, die geprüften Anthropinsorten in den Handel zu setzen, um den Ärzten Gelegenheit zu eigener Prüfung zu geben. Diese wurde denn auch von manchen homöopathischen Ärzten benützt und ich erhielt viele Bestätigungen hierüber. Trotzdem nach den ersten Bekanntmachungen keinerlei Reklame damit gemacht wurde, hat sich der Verkauf einzelner dieser Sorten bis auf den heutigen Tag erhalten. (Das durchaus Ablehnende und zum Teil gehässige Verhalten der Schulmedizin gegen meine Anthropinlehre zwingt mich, aus obiger Reserve herauszutreten und der Homöopathischen Zentralapotheke von Hofrath Virgil Mayer, Cannstatt, die Erlaubnis zu geben, die erprobten Anthropinpillen auf dem Wege der Geschäftsanzeigen ebenso in den Handel zu bringen, wie es andere Ärzte mit ihren Erzeugnissen auch tun. Das muss schon geschehen im Interesse der Wahrheit und meiner Lehre. G. Jaeger.)


3.    Die therapeutische Prüfung des Menschenmoschus (Anthropin) von zirka 30 Personen ergab, dass die Wirkungen genau den verschiedenen Gesundheitsverfassungen dieser Personen entsprachen. Zum Beispiel: Das Anthropin einer Person mit vorzüglicher Magenverdauung erwies sich als Magenmittel u. s. f., worüber in meinen Veröffentlichungen das Nähere zu lesen ist.
Als die Ergebnisse dieser Prüfungen durch die Tagespresse in weitere Kreise gedrungen waren und ich den Kampf zugunsten der Homöopathie gegen das damals völlig allmächtige allopathische Lager aufgenommen, auch die Erfolge meiner Bekleidungsmethode eine große geschäftliche Gegnerschaft auf den Plan gerufen hatte, brach wegen des Anthropins eine große Hetze gegen mich in der Tagespresse los. Ich konnte mir nur helfen durch einen eigenartigen Feldzug: In etwa 70 Städten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz veranstaltete ich sogenannte Weinproben, an denen zusammen gut 3000 Personen der besten und gebildetsten Klassen und stets die Hauptweinverständigen der betreffenden Städte sich beteiligten. Hierbei überzeugten sich so viele Personen mittels des eigenen Leibes davon, dass das Anthropin, also der Menschenmoschus in geeigneter Verdünnung und Auswahl hygienisch die Qualität der Genussmittel wie Wein, Tabak und so fort, verbessere.
Durch diesen fast ein Jahr dauernden Feldzug gelang es mir, die vom Konkurrenzneid ins Leben gerufene Hetze zum Stillstand zu bringen und außerdem gestattete er mir eine Aufklärungstätigkeit auch noch nach anderer Richtung. Ich hatte eine biologische Untersuchungsmethode erfunden, die den lebenden Menschen mit Präzisionsinstrumenten in Verbindung setzt und erkennen lässt, welchen Einfluss auf die Lebensvorgänge flüchtige, in der Atmungsluft enthaltene Stoffe ausüben.

 

Die Neuralanalyse

 

Diese Methode habe ich Nervenmessung („Neuralanalyse“) genannt. Schon die einfachste biologische Beobachtung des Verhaltens von Mensch und Tier gegenüber stofflichen Gegenständen und ganz besonders gegenüber Gerüchen zeigt die grundlegende Tatsache, dass alles, was Lust erzeugt, beschleunigend auf sämtliche Lebensbewegungen wirkt und umgekehrt, dass alles Widerliche, Ekel-und Unlusterzeugende die gegenteilige Wirkung hat: Verlangsamung der Lebensbewegungen. Da man damals eigentlich noch strenger als heutzutage von dem Mann der Wissenschaft „ziffernmäßige“ Ergebnisse, gewonnen durch Zeit-oder Raummesser verlangte, so habe ich zu allem Überfluss das ebenfalls ausgeführt und mittels der Neuralanalyse festgestellt, dass die Wirkung dieser Menschen-Moschusse mit dem bekannten Arzneistoff „Moschus“ das gemein hat, dass sie eine Belebung ist.
Der Beweis der physiologischen Wirkung des Anthropins
So war nicht bloß der praktische Beweis, sondern auch der exakte Beweis für die physiologische Wirkung des Anthropins geliefert: Es ist ein Belebungsmittel. Auch diese Messungsmethode wurde bei den sogenannten Weinproben, namentlich in allen Universitätsstädten, vorgezeigt und jeder, der wollte, konnte sich von der Richtigkeit derselben überzeugen. Somit trat jetzt ein Ruhestand ein und man konnte glauben, dass kein weiterer Kampf um die Wahrheit geführt werden müsse. Allein dies war ein Irrtum und zwar deshalb: Die praktischen Interessen, die durch meine Funde und Lehren sich für gefährdet hielten, erfuhren in der Folge durch die Bewegung zugunsten der Naturheilmethode und die Freigebung der inneren Heilkunst durch Reichstagsbeschluss, dann durch die Überfüllung des ärztlichen Berufs, eine weitere Beeinträchtigung, und so entbrannte der Kampf aufs neue.

 

Die äußeren Selbstarzneien


Zweiter Teil
Die Studien über Bekleidung, insbesondere die praktischen Beobachtungen und Erfahrungen damit zeigen die Heilwirkung des Menschenmoschus noch in einer Weise, die uns seine Beziehung zum Heilmagnetismus klar vorführt und zwar so: Der Hauttalg geht vom Leibe des Menschen auf dessen Bekleidung über und setzt sich insbesondere auf reiner Wolle so fest, dass man noch Jahrzehnte nach dem Tode der Person den Individualgeruch wahrnimmt. Selbst wiederholtes Waschen ist ebenso wenig imstande den Geruch zu vertreiben, wie den des Moschus. Das Merkwürdige und Beweisende ist nun, dass solche anthropinhaltige wollene Kleidungsstücke ganz unverkennbar heilkräftige Eigenschaften besitzen. So konnte bei Krankheiten meiner Kinder, auch einige male bei meiner Frau, mit einem getragenen und gewaschenen Hemd von mir bei fieberhafter Erkrankung Bruch des Fiebers mit kritischem Schweiß und Genesung in prompter Weise herbeigeführt werden.
Hierzu gehört der im Volke weit verbreitete Gebrauch, bei Halsleiden den eigenen getragenen Strumpf als Halsumschlag zu benützen und ihm eine größere Heilwirkung zuzuschreiben, als einem in Bezug auf Wärmewirkung gleichen, andersartigen. Dem starken Geruch der Fußausdünstung, die biologisch in Beziehung zum Fährtengeruch steht, entspricht auch eine starke therapeutische Wirkung. Endlich gehört hierher auch die Benützung von Gewändern und sonstigen Gebrauchsstücken längst Verstorbener zu Heilzwecken, die sogar unter den Schutz religiöser Gebräuche gestellt worden ist, während umgekehrt die ärztliche Geschäftspolitik der materialistisch nihilistischen Richtung all das als Aberglauben verspottete.


Um noch einmal auf die Verwendung des Fuß-also Fährtengeruches zu heilmagnetischer Beeinflussung zu kommen, so lässt sich anführen: G. Jaeger, „Entdeckung der Seele“, II Band, Seite 313: „Es ist eine bis in das graueste Altertum zurückreichende und geschichtlich nachzuweisende Tatsache, dass die leidende Menschheit, um von allerlei Gebresten befreit zu werden, gottbegnadete Sterbliche aufsuchte. Das Auflegen der Hände, die Berührung, ja selbst der Blick genügte, um unleugbare Heilungen hervorzubringen. – So schildert es uns die Edda vom König Olaf dem Heiligen. König Pyrrhus von Epirus soll Tausende durch die einfache Berührung mit seiner großen Zehe geheilt haben.“
Dahin gehört wohl auch, dass bei manchen Naturvölkern die Priesterärzte (Schamanen) die Kranken auf den Rücken legen und ihren Bauch mit den bloßen Füßen bearbeiten.
Zum Wirkungskreis des Anthropins oder Menschenmoschus gehören noch folgende biologischen Tatsachen: Was den tierischen Moschussorten ihren ausgedehnten Gebrauch schon bei den Naturvölkern verschafft hat, ist deren Beziehung zum Geschlechtstrieb als Liebesstoff. Natürlich hängt das der Hauptsache nach damit zusammen, dass der Tier-Moschus der Apotheken den Smegmadrüsen an den Geschlechtsteilen der betreffenden Tiere entnommen ist. Diese Beziehung zum Kapitel der „Liebe“ fehlt aber dem Hautfett der übrigen Körperoberfläche durchaus nicht, nur ist es hier nicht die spezifische Form der Geschlechtsliebe, sondern mehr die der Kameradschaftsliebe (Elternliebe, Kindesliebe u.s.f.) Das zeigt sich darin, dass bei allen diesen geselligen Beziehungen das Küssen, Belecken und Streicheln geübt wird – bei Mensch und Tier.
Von der Übertragbarkeit des Haut-und Haarfettes auf leblose Gegenstände rührt noch eine andre biologische Beziehung her: Das Sichverlieben in tote Gebrauchsgegenstände, namentlich solche, die eine besondere Anziehung zu fettigen Stoffen haben. Das Bekannteste ist das Sichverlieben in die eigene Kleidung, namentlich falls sie aus Wolle ist. Übrigens gilt das für alle Gegenstände, die stärker mit dem Personalgeruch verwittert sind. Das Gegenstück ist das Widerwärtige, was man in neuen Kleidern empfindet. Dass diese Wirkung auch noch weitere Kreise zieht und sich das Verlieben auch auf den gewohnten Aufenthaltsort bezieht, ja sogar auf die gewohnten Wege, hat niemand besser Gelegenheit zu beobachten, als der Jäger, und wenn ein Anthropolog nicht weiß, dass die Heimatliebe des Menschen eine materielle Grundlage, nämlich die Verwitterung, hat, so ist er ein unwissender Mensch.

 


Hieran schließt sich das biologische Band, das der Menschenmoschus zwischen dem Menschen und der übrigen Lebewelt schließt:
a) Zwischen Mensch und Tier. Die Schulweisheit meint, das „Gewöhnen“ der Tiere an den Menschen sei bloß ein psychischer Akt“, der Zeit erfordere, die Praxis des „Verwitterns“ mit der persönlichen Witterung dagegen kennen z. B. beim Hunde die meisten Hundebesitzer aus dem Volk; diese hat sofortigen Erfolg.
b) Für die Beziehung, die der Dünger zwischen Pflanze und Pflanzenesser schafft, hat Liebig den Satz aufgestellt: „Der beste Dünger für eine Pflanze ist der Kot des Geschöpfes, das von ihr sich nährt“. Diesen Satz habe ich durch den zweiten Satz ergänzt: „Einem Pflanzenfresser ist die angenehmste und zuträglichste Nährpflanze die, die er mit seinem eigenen Kot gedüngt hat“. Damit stimmt die praktische Erfahrung, und diese Tatsache habe ich den „Kreislauf der Appetitstoffe“ genannt. Hieran schließt sich, dass Giftpflanzen in Böden, die menschlichen Dünger enthalten, ihre Giftigkeit verlieren u.s.f.


So viel über mein so viel verlästertes und verspottetes „Anthropin“, um zu zeigen, dass diese Spötter keine Ahnung davon haben und hatten, über welchen Abgrund von Unwissenheit und Unerfahrenheit in biologischen Dingen sie ihr gläubiges Publikum hinwegtäuschen wollen. Das Weitere kann man in meinen Sonderschriften lesen.

 

Und jetzt zur Hauptsache: Was hat das mit dem Heilmagnetismus und mit den vorliegenden Auseinandersetzungen zu tun? Bei Prozessen, die man gegen Heilmagnetiseure anstrengt, werden diese beschuldigt, sich durch den Gebrauch„magnetisierten“ Wassers und „magnetisierten“ Fließpapiers oder von Ähnlichem eines betrügerischen Hokuspokus schuldig gemacht zu haben. Diese Beschuldigung wird durch obige Auseinandersetzungen als eine gänzlich haltlose dargetan und darauf zurückgeführt, dass die Beschuldiger keine Kenntnis von biologischen Dingen haben, die jeder erfahrene und denkende Praktiker kennt. Wenn der Heilmagnetiseur sagt, er übertrage auf das Wasser und das Fließpapier seine „Lebenskraft“, so ist nur das Wort falsch angewandt. Mit Kraft bezeichnet man die Eigenschaft einer Sache.

 

Der Magnetiseur überträgt aber eine Sache, die eine Kraft besitzt, und das ist sein Menschenmoschus, sein Anthropin. Dieser Stoff wirkt „belebend“, ist also ein Belebungsmittel und somit ein Heilmittel. Das habe ich durch Versuche in folgender Weise festgestellt:
1 Es ist schon oben darauf hingewiesen worden, dass die Heilwirkungen verschiedener Heilmagnetiseure nicht gleichartig sind, sondern dass jeder ein individuelles, seiner eigenen Natur entsprechendes Wirkungsgebiet besitzt. Ich habe bei den Anthropinversuchen zur Übertragung des Anthropins nicht Wasser benützt, sondern wie es in der Homöopathie üblich ist, Streukügelchen aus Zucker. Nun nimmt man auf diese Weise das Anthropin von einem Heilmagnetiseur (ich verwende das Achselhaar, um Kosmetika fernzuhalten), so erzielt man mit diesem Heilerfolge, die in der ganz gleichen Richtung liegen, wie die des Heilmagnetiseurs selbst: Am augenscheinlichsten ist das, wenn diese Wirkung sich auf den Stuhlgang bezieht, weil man hier nicht bloß die Tatsache der Abfuhr hat, sondern auch die Beschaffenheit der Auswürfe. 2 Umgekehrt: Bei den Anthropinversuchen wurde ich mit der Tatsache bekannt, dass das Anthropin meiner verstorbenen Frau für zahlreiche Personen ein vorzügliches Mittel sowohl gegen Kopfschmerzen wie gegen Magenschmerzen ist. Weitere Versuche ergaben nun, dass meine Frau durch Handauflegen auf Kopf oder Magen die gleiche Wirkung bei mir und ihrigen erzielte wie ihre Haarpillen. Ergänzt wurde die Sache noch dadurch, dass sie selbst von ihrem fünfzigsten Lebensjahr an fast nie über eigene Schmerzen zu klagen hatte. – Das Volk findet überall Persönlichkeiten heraus, die für den „Schmerz tun“ können. 3 Nun zur Hauptsache dem „exakten“ d. h. ziffermäßigen also streng wissenschaftlichen Beweis, die mehrere Bände füllen. Mein Ergebnis: Die bei vielen Magnetopathen übliche Verwendung von „magnetisiertem Wasser“ zum Trinken oder von magnetisiertem Papier zum Auflegen auf kranke Körperstellen ist keine abergläubische mystische oder gar betrügerische Handreichung, sondern eine heilsame Verwendung der Selbstarznei des Magnetisierenden.
Im Anschluss hieran, oder genauer im Anschluss an das, was oben vom Gebrauch der Füße zur Ausübung des Heilmagnetismus gesagt wurde, sei hier noch etwas über den noch viel häufigeren, ja in zivilisierten Kreisen fast ausschließlichen Gebrauch der Hände beim Magnetisieren gesagt. Zwar nicht so stark wie am Fuß ist auch an den Händen die individuelle Wittrung entwickelt. Es ist schon früher darauf hingewiesen worden, dass auf Gegenständen, die dafür empfindlich sind, wozu auch gewisse Schreibpapiere gehören, die Berührung mit den Fingerspitzen einen bleibenden, also fettigen Fleck hinterlässt, was dem Zurücklassen der Fährte auf dem Boden seitens des Fußes entspricht. Auch in dem Stücke gleichen sich Fußsohle und Handfläche, dass sie sehr reich an Schweißdrüsen sind. Die Hände sind also sehr geeignet, den Individualgeruch auf leblose Gegenstände zu übertragen, aber auch unmittelbar auf den lebenden Menschen. So ist Zweck und Erfolg der so allgemein im Dienst der magnetischen Methode stehenden Handauflegung der, dem Kranken den „Fährtengeruch“ der Hand auf dem Weg der Einatmung zukommen zu lassen. Lässt man sich selbst von einem Menschen die Hand auflegen, so bemerkt man außerdem, dass auch aus dem Rockärmel ein Strom der warmen individuellen Wittrung hervorkommt, von der man sich unschwer überzeugt, dass ihre Hauptquelle die Achselhöhle ist. Diese ist wie alle behaarten Körperstellen besonders reich an großen Anthropindrüsen, und jeder kann deren starken Geruch an sich selbst wahrnehmen.


Hier möchte ich nun auf das Reichenbach’sche „Od“, hinweisen, d. h. auf die Tatsache, dass unter Umständen an den Fingerspitzen sichtbare auch schon photographierte Ausstrahlungen bemerkt werden können. Mit Recht haben die Magnetopathen diese Ausstrahlungen als einen Hauptbeweis für das Vorhandensein von etwas Wirksamem angesehen, allein sie haben das nicht für etwas Stoffliches, sondern für eine Art von Strahlen erklärt und so hat die Sache ein Loch. Etwas, was auf dem Papier einen Fettfleck zurücklässt, ist kein Strahl, sondern ist ein Stoff. Somit möchte ich vermuten, dass diese unter Umständen auftretenden sichtbaren Erscheinungen, die ich keinesfalls leugnen will, eben den spezifisch riechenden Ausdünstungsstrahlen ihre Sichtbarkeit verdanken. Das „Od“ wäre also nichts anderes, als die anthropinhaltige Fingerspitzenausdünstung, die unter ähnlichen Bedingungen sichtbar wird, wie der Hauch aus dem Mund.


Das Wort „Hauch“ führt uns zu einer weiteren zweifellosen Tatsache. Die im Hauch zum Vorschein kommende Ausatmungsluft enthält ebenso, wie die Hautausatmung, nicht bloß die aus den physiologischen Lehrbüchern längst zum Überdruß bekannten Allgemeingase, sondern zahlreiche riechbare Stoffwechselprodukte, gute und schlechte, Selbstgifte und Selbstarzneien; unter allen Umständen auch die Stoffe, welche die persönliche Wittrung bilden, also beim Menschen das Anthropin; denn davon kann man sich doch leicht überzeugen, das jeder Mensch aus dem Mund anders riecht als der andere. Es steht unbedingt fest, dass im Hauch das gleiche heilende Prinzip ist, wie in der Hautausdünstung. Wenn also jemand einem Menschen die Hand auflegt und über ihn hineinspricht, so dass der andere gezwungen ist, nicht bloß die Hand-und Achselausdünstung, sondern auch die Lungenausdünstung einzuatmen, so steht letzterer unter denselben Bedingungen, wie ein Mensch, der den Bäderdunst aus einer radiumhaltigen Wasserquelle einatmet, und die zur ländläufigen Phrase gewordene Behauptung, das sogenannte „Gesundbeten“ sei eine abergläubische, betrügerische Sache, beweist wieder, in welchem erbärmlichen Zustand unsere sich so wichtig und sicher gebärende Schulweisheit sich befindet und zu welcher Unwissenheit das grobmaterialistische „exakte“ Prinzip geführt hat.


Wir haben die Auseinandersetzungen über das Kapitel der Selbstarzneien, soweit sie in den spezifischen Absonderungen der Hautfettdrüsen enthalten sind, begonnen mit dem Moschus verschiedener Säugetierarten. Wir schließen sie mit einem biologischen Stoff, welcher der ganzen Gruppe von Lebewesen, zu denen auch der Mensch gehört, den zusammenfassenden Namen „Säugetiere“ gegeben hat. Dieser Stoff ist die Milch, der Mittelpunkt der biologischen Beziehung zwischen Mutter und Kind.


Was ist die Milch? 1 Das Erzeugnis von ungewöhnlich vergrößerten Hauttalgdrüsen, also von Drüsen, die spezifische Riechstoffe liefern. 2 Dass die Milch dementsprechend ebenso spezifisch und individuell riecht wie der Hauttalg, ist eine so allgemeine Erfahrung, dass sie keines Beweises bedarf. 3 Die Milch ist nicht bloß Nahrungsmittel, sondern daneben auch Heilmittel und als solches bezeichnender Weise nicht zum Verbrauch seines Erzeugers, sondern zur Übertragung in ein anderes, mit dem Erzeuger durch Lebensgemeinschaft verbundenes Lebewesen, das Kind, bestimmt. Dass damit das Gebiet der Heilwirkung der Milch nicht erschöpft ist, bedarf wieder keiner besonderer Beweise, da der Gebrauch der Milch zu Heilzwecken seit jeher geübt wurde und die Neuzeit mit ihren Milchkuranstalten diesen Gebrauch zu einer förmlichen Methode entwickelt hat. Allerdings handelt es sich hierbei um Verwendung von Tiermilch zur Heilung beim Menschen; aber dass der Menschenmilch Heilwirkung abgehen sollte, hat doch noch kein noch so nihilistischer Arzt zu behaupten gewagt. (Anmerkung Selma Gienger: In der Homöopathie ist Lac humanum, potenzierte Menschenmilch, ein hoch wirksames Heilmittel!) 4 Die Milch soll auch aus dem Grund hier angeführt werden, weil dieser Gegenstand wieder ein Beweis für die Brauchbarkeit der Neuralanalyse und ein Seitenstück ist zu meinen Funden bezüglich der „Radiumquellen“, und zwar nicht bloß sachlich, sondern auch zeitlich, denn das folgende steht in G. Jaeger „Entdeckung der Seele“, 2. Aufl. 1879, Seite 320:
„Luftkur. Hier steht mir zunächst nur eine psychometrische (neuralanalytische) Entdeckung zu Gebot. Dieselbe fällt zeitlich zwischen die des Wollduftes und die der Brunnengeister (siehe Radium S. 21. Jaeger). Schon früher hatte mich die bekannte Tatsache interessiert, dass kuhwarme Milch entschieden zuträglicher wirkt, als die gleiche Milch, wenn sie abgestanden oder gar abgekocht ist; jetzt lenkte sich mein Verdacht auf den spezifischen Duft der Milch. Ich kombinierte damit 1. die Tatsache, dass der Effekt der Milchkuren ein noch höherer wird, wenn man die Milch im Stall selbst trinkt, 2. die Tatsache, dass die Luft der Kuhställe notorisch günstig auf Kachektische verschiedener Art, insbesondere auf Schwindsüchtige wirkt, weshalb man Kranke früher dort schlafen ließ.
„Zuerst nahm ich das Mittel meiner Nervenzeit, es war 118 ,6 M. S. Dann ging ich in die einen Kilometer entfernte Melkerei und holte die Milch, ohne den Stall selbst zu betreten. Bei meiner Ankunft zu Haus die Nervenzeit unverändert. Dann atmete ich den Milchduft fünf Minuten ein. Jetzt war die Nervenzeit 99,8 M. S. und nach weiteren 2 Minuten 80 M. S., also eine Differenz von 39,4 M. S.! Hierauf trank ich die Milch (1/2 Liter) und erhielt n ach 7 Minuten Pause eine Nervenzeit von 81,8 M. S. Die nervöse Wirkung geht also auch hier, wie ich es für Bouillon, Brot und Champagner nachwies, bloß vom Duftstoff aus.“ Das ist doch wahrhaftig ein Beweis erster Güte, dass meine Methode ein in geübter Hand sicheres Mittel ist, um nachzuweisen, ob einer Sache Belebungswirkung zukommt oder nicht. Dass die Milch Belebungsmittel ist weiß jeder Schäfer: Das neugeborene Lamm fängt erst an zu „schlegeln“, wenn es wenigstens einige Tropfen Muttermilch erhalten hat. Wie kann es die Schulmedizin verantworten, dass sie jahrzehntelang den Müttern das Stillen abriet und die Würmer mit Apothekerware füttern ließ?

 

 

Die inneren Selbstarzneien

 

Bei den im Innern des Körpers gebildeten Selbstarzneien befinde ich mich in einer günstigeren Lage als bei der äußeren Selbstarznei, denn jene sind nicht nur von der Schulmedizin etwa geduldet und anerkannt, sondern sind geradezu gegenwärtig die Paraderosse, welche die das Gepränge liebende Schulmedizin bei jeder Gelegenheit vorreitet, wobei man ja nur an die Namen Koch * (*Anm.: Nicht aus Eitelkeit, sondern weil meine Gegner die Parole ausgeben, ich sei nicht ernst zu nehmen, möchte ich nur konstatieren, dass der Gegenstand der Koch’schen Entdeckung von mir in einem Flugblatt sofort als „Tuberkulin“ bezeichnet wurde, während die ganze Schulmedizinerschaft vor der ja anfangs geheim gehaltenen Sache stand, wie .....) und Behring zu erinnern braucht. Man unterscheidet zwei Gruppen, die der Organtherapie und die der Serumtherapie.


1. Organtherapie
Es handelt sich bei dieser nicht um eine großartige Entdeckung der neuzeitlichen Wissenschaft, wie diese so gern glauben machen möchte, sondern um die Wiederaufnahme einer bis in das graueste Altertum zurückreichenden, von der Volkspraxis gefundenen, von den Ärzten früherer Jahrhunderten regelrecht betriebenen und gerade von der neuzeitlichen wissenschaftlichen Medizin jahrzehntelang zu völligem Unrecht verspotteten Heilweise, der sogenannten „Isopathie“. Sie besteht darin: zur Heilung eines kranken Organes beim Menschen nimmt man das gleichnamige Organ eines gesunden, möglichst kräftigen Tieres und verabreicht es entweder im frischen, rohen Zustand, oder vorsichtig getrocknet, da das eigentlich Wirksame in dem Organ bei jedem Versuch, es aus ihm zu isolieren oder das Ganze zu erhitzen, seine Wirksamkeit verliert.
In früheren Jahrhunderten, wo Menschenleben billiger waren, ging man noch einen Schritt weiter und entnahm die isopathische Organarznei statt vom getöteten Tier vom getöteten Menschen, und so wurde der Scharfrichter, der allein gesunde Menschen töten durfte, zum Universalapotheker. Die Verwendung getöteter Tiere zur Organtherapie hat im Volke und bei unverschulmeisterten Völkern nie aufgehört. So sind z. B. heute noch in den Heimatländern des Tigers alle Teile seines Kadavers hoch bezahlte Arzneimittel, aus deren Verkauf der Erleger über 1000 Taler herauszuschlagen vermag.
Nun, die neuzeitliche Wiederaufnahme dieses Verfahrens durch die Hochschulmedizin hat dessen Wirksamkeit unzweifelhaft festgestellt und damit die Tatsache, dass meine Lehre von der Selbstarznei nicht bloß gültig ist für die auf der Oberfläche des Körpers im Hauttalge enthaltenen Moschusstoffe, sondern auch für die Spezifika aller inneren Organe.
Übrigens handelt es sich hier nicht bloß um eine Bestätigung meiner Lehre von den Selbstarzneien, sondern auch wieder um eine Priorität, bei der ich beteiligt bin. Wie schon oben angedeutet, war es gerade die exakte, für die Zweckmäßigkeitslehre jedes Verständnisses bare ärztliche Wissenschaft des vorigen Jahrhunderts, die alle isopathischen Verfahren lediglich für abergläubisches ekelhaftes Getreibe und jeden, der etwas dergleichen ausübte, rundweg für einen Betrüger erklärte, so dass nur noch die zoologischen Bücher* (*Anm.: Siehe G. Jaeger „Allgemeine medizinische pharmaceutische Zoologie“, Leipzig, Ernst Günthers Verlag 1874, erschienen als III. Teil von „Elemente der Pharmacie“ von Dr. J.
B. Henkel, Prof. der Pharmacie in Tübingen.) von der Verwendung tierischer Organe zu
Heilzwecken überhaupt reden durften, namentlich aber genötigt waren, die
Verfahrungsweisen der Schlangenzauberer lediglich als findige Betrügereien zu schildern,
wenn sie nicht Gefahr laufen wollten, von den Privilegiumwächtern der Schulmedizin auf
den Index librorum prohibitorum gesetzt zu werden. Schon in meiner zoologischen Periode
war mir diese Verketzerung der Naturpraxis ein Stein des Antoßes, und sobald ich im Besitz
meiner Neuralanalyse war und in ihr ein treffendes Mittel zur Erkennung von Heilfaktoren
hatte, ergriff ich die Gelegenheit zu einer Untersuchung. Die betreffenden Angaben finden
sich in der

2. Auflage von G. Jaeger
„Die Entdeckung der Seele“, Seite 321, anschließend an das auf S. 320 Stehende,
im vorigen Kapitel Wiedergegebene über den Duft der Milch, stammen also auch
aus dem Jahr 1879; die Stelle lautet folgendermaßen:

„Auch von einer anderen Seite präsentierte sich ein animalischer Duftstoff als Medikament. Veranlasst durch meine früheren Publikationen über die Gehirnseelenstoffe schickte mir Herr Adolf Gaul aus Gnoyen in Mecklenburg eine Schrift „Cerebro-Therapie“, in der ein aus gleichen Teilen Ochsenhirn und Weingeist durch mehrmonatige Digerierung bereitetes Balsamicum Cerebri, allerdings mit etwas überschwänglichen, mich anfangs misstrauisch machenden Worten, als ein äußerst kräftiges Arzneimittel vom Charakter eines Nervinum beschrieben wird. Das Resultat der psychometrischen Untersuchung des mir eingeschickten Präparates hat diese Angabe vollauf bestätigt, wie folgende Ziffernreihe bei einer 20 Minuten langen Einatmung beweist (jede Ziffer ist das Mittel aus 10 Akten): Vor Einatmung 117,6 M. S., nach Einatmung der Reihe nach 90, 88,6, 98,4, 92,4 104.
Das Vorstehende stammt aus der 2. Auflage (1879), im II. Band der 3. Auflage befinden sich auf Seite 201 und 204 auch noch die bei Einatmung des Hirnextrakts gewonnenen Pulskurven. Damals wurden über diese „unsinnige“ Angabe von den Hochschulärzten ebenfalls die Achseln gezuckt und hohngelacht. Jetzt kann man in allen besseren Apotheken „Cerebrum siccatum“ d. h. getrocknete Hirnsubstanz mit Kakaopulver in Tablettenform gebracht, kaufen
– nicht als „Geheimmittel“, sondern als „Errungenschaft der Neuzeit“.
In meinem 1881 gegründeten „Monatsblatt“ habe ich vom Jahrgang 1887 immer wieder dem Gebrauch tierischer Heilmittel und der Isopathie das Wort geredet, bis endlich im Jahr 1895 mit der Entdeckung der isopathischen Heil-Wirkung der Schilddrüse von Tieren das begann, was man dann natürlich nicht Isopathie hieß, sondern „Organtherapie“, weil man mit jenem Wort der verhassten „Homöopathie“ zu nahe gekommen wäre und namentlich nicht zugestehen wollte, dass man einer Heilweise sich zuwandte, die man jahrzehntelang mit allem Hochmut wissenschaftlicher Entrüstung als Lug, Trug und Schwindel in die tiefste Grube abergläubischen Mülls hinuntergeworfen hatte.
Also, wenn man von einer Wiederentdeckung des isopathischen Heilverfahrens sprechen kann, so gebührt die Priorität nicht der heutigen Schulmedizin, sie ist nicht eine große Errungenschaft der medizinischen Wissenschaft, sondern gebührt dem Herrn Gaul von Gnoyen in Mecklenburg, dessen Schrift ich leidern nicht mehr besitze, wie ich überhaupt später nichts mehr von ihm erfahren habe; denn meine Gegner von rechts und links sorgten reichlich für anderweitige Beschäftigung. – Doch zur Sache! Für solche Leser, denen die „Organtherapie“ fremd ist, möge folgendes zur Kenntnisnahme genügen.


Jedes eigenartige Organ erzeugt in sich selbst einen eigenartigen Stoff, der für das betreffende Organ sein eigener Gesundheitsstoff genannt werden muss. Offenbar ist es dieser Stoff, der das Organ gesund erhält, und von dem, im Fall der Erkrankung, die so zweifellos vorkommende Selbstheilung besorgt wird. Dieser Stoff kann für das gleichnamige Organ eines anderen Lebewesens mit Erfolg als Heilmittel benutzt werden. Auf die Frage, welcher Bestandteil des Organs die wirksame Substanz ist, gibt es nur die gleiche Antwort, wie die bei der Moschus-Selbstarznei. Wenn für diese der Individualriechstoff das Wirksame ist, so ist die Selbstarznei eines Organs dessen spezifischer Riech-und Geschmacksstoff.


Welche Rolle die tierische Organtherapie jetzt schon spielt, geht daraus hervor, dass der Warenkatalog der Firma „Merk“ in Darmstadt, einer der Firmen, welche die Apotheken mit diesen tierischen Drogen versorgen, Präparate von folgenden Organen verzeichnet: „Graue Hirnsubstanz, Leber, Milz, Niere, Schilddrüse, Vorsteherdrüse, Thymusdrüse, Nebenniere, rotes Knochenmark, Gehirnanhang, Ohrspeicheldrüse, Eierstöcke, Euter, Gelbkörper aus dem Eierstock und Hoden“. Also von nicht weniger als 15 Organen – alles von Schlachttieren stammend, gepulvert, mit Kakaopulver gemengt und in Tabletten gepresst. Bei der wiederholt erwähnten Gerichtsverhandlung wurden einige Proben von mir auf dem Gerichtstisch aufgestellt und zur Feststellung folgender Tatsache benützt:
Die Tabletten riechen nicht nach Kakao, sondern haben einen ausgesprochen tierischen Geruch, was beweist, dass es sich ebenso um einen riechbaren, also flüchtigen Stoff handelt, wie bei der Selbstarznei auf der Oberfläche des Körpers.

2. Serumtherapie
Wie bei der Organtherapie handelt es sich bei der Serumtherapie wieder um Altes und Neues. Beim Alten ist das Einfachste die gewöhnliche „Gift-Isopathie“. Man verwendet gegen Biss und Stich giftiger Tiere, wie Skorpione, Schlangen u. s. f. Bestandteile des Tieres, von dem man gestochen oder gebissen worden ist, entweder roh oder zubereitet als innerlich zu nehmende Arznei (Skorpionöl, Theriak, u. s. f.). Dass dieses Prinzip richtig ist, davon kann man sich, worauf ich in meinem Monatsblatt in mehreren Jahrgängen hinwies, auch in harmloserer Weise an den ungefährlicheren Giftinsekten unserer Heimat wie Bremsen, Stechschnaken, Bienen und Wespen überzeugen. Wenn ein Gestochener entweder das ganze Tier verzehrt, was bei Bremsen und Schnaken ohne weiteres geschehen kann, oder das in jeder homöopathischen Apotheke vorhandene Bienengift (Apis) benützt, so wird damit die Giftwirkung aufgehoben. Das ist aber nur die eine Seite der Giftisopathie, nämlich die Heilung eines Vergifteten. Die andere Seite ist die „Schutzimpfung“. Wenn ein Mensch in methodischer Weise giftige Tiere oder Teile von solchen genießt, besonders Galle oder Leber, so wird er früher oder später giftfest, oder wie man sich neuerdings ausdrückt „immun“ gegen Stich und Biss der betreffenden Geschöpfe. Bei den giftigen Insekten genügt es sogar, wenn man nur häufig genug von ihnen gestochen wird. Das ist
z. B. den Bienenzüchtern längst bekannt und diese sind alle gegen Bienengift mehr oder weniger immun.
Ein weiterer Schritt in diesen biologischen Beziehungen ist der, dass die Körpersäfte eines durch Giftgebrauch immun gewordenen Geschöpfes für ein anderes Lebewesen ein Gegengift bilden. Dieses Verfahren ist auch uralt und bei wilden Völkern, insbesondere in Afrika, heute noch Brauch. Der Giftzauberer macht sich immun gegen Schlangen-Gift dadurch, dass er die Giftschlange oder Teile von ihr verzehrt und schließlich auch noch das Gift selbst auf sich wirken d. h. sich beißen lässt. Er ist jetzt nicht bloß selbst gegen die Wirkung des Schlangengiftes beschützt, sondern seine Körpersäfte (Serum, daher der Name Serumtherapie) enthalten ein Gegengift gegen Schlangenbiss, mit dem der Immune andere Gebissene heilen kann. Hierzu wird von ihm seine Hautabsonderung in der Weise benützt, dass er eine Filzmütze trägt, in der sich diese ansammelt. Zum Gebrauch wird dann der Rand der Mütze ins Wasser getaucht und die Lösung dem Gebissenen in den Mund geträufelt. Endlich ist alt auch das eigentliche Impfverfahren mittelst Einstechens gegen ansteckende Krankheiten. Beim Menschen sind es die Pocken, die im 18. Jahrhundert zur Entwicklung des Impfwesens führten. In Afrika ist das Impfen bei den Viehzucht treibenden Negern (und zwar unter dem Schwanz der Tiere) allem nach weit älter als unsere Pockenimpfung.
Nun zu dem Neuen, das man der Tätigkeit der Schulmedizin verdankt und das eine Frucht ihrer bakteriologischen Arbeiten ist. Die Sache soll umso weniger übergangen werden, als sie von größtem Wert für einen prinzipiellen Standpunkt in der Biologie überhaupt ist; es handelt sich um das Prinzip der Zweckmäßigkeit der Natureinrichtungen. Es gibt wohl keinen schlagenderen Beweis für diesen Grundsatz, als die jetzt außer Zweifel gestellte Tatsache, dass die Lebewesen, und mit ihnen natürlich auch der Mensch, nicht bloß in ihren Selbstarzneien für den gewöhnlichen Lauf der Dinge mit allem Nötigen ausgerüstet sind, sondern auch die Befähigung besitzen, für außergewöhnliche Vorkommnisse, denen die regelmäßig vorhandenen Selbstarzneien nicht gewachsen sind, in sich neue, nur ad hoc berechnete und zweckmäßige Selbstarzneien zu bereiten und zwar so:
Zuerst erkannte man, dass das Gefährliche der Krankheitsbakterien darin besteht, dass sie einen Giftstoff (Toxin) erzeugen. Gegenüber der damals herrschenden Lehre, dass das Wesen einer Krankheit eine anatomische Veränderung sei, war das ein prinzipieller Fortschritt, den Schreiber dieses schon ein Jahrzehnt zuvor mit seinem Satz getan hatte „Krankheit ist Vergiftung“, und ein reuiges Bekenntnis gegenüber der lang verspotteten Lehre der Humoralpathologen von der „Materia peccans“.
In zweiter Linie wurde die Tatsache ins Auge gefasst, dass Bakterienkrankheiten nicht nur von selbst heilen können, sondern dass der Geheilte längere oder kürzere Zeit hindurch vor Wiedererkrankung beschützt, d. h. immun ist, und es wurde nach einer stofflichen Grundlage hierfür geforscht. Das führte zu der Entdeckung des „Antitoxins“ (zu deutsch Gegengift). Dies ist ein neues Erzeugnis im Körper des Erkrankten zur Bekämpfung der Bakterien. Diese werden durch das Antitoxin gelähmt und fallen dann der Zerstörung durch eigene Fresszellen anheim, und das Antitoxin, bzw. dessen Erzeugung, dauert längere oder kürzere Zeit hindurch fort und bildet einen Schutzstoff gegen neue Ansteckung, der aber auch wieder spezifischer Natur ist, d.
h. er schützt nicht gegen jede Bakterienart, sondern nur gegen die, die zu seiner Erzeugung den Anstoß gab und allenfalls gegen die eine oder die andere damit verwandte Art.
Nun müssen wir aber zweierlei wohl unterscheiden und zwar nach dem Grundsatz: quod licet Jovi, non licet bovi“, d. h. es ist ein Unterschied, ob die Natur etwas anfertigt und in der von ihr geleiteten Weise benützt, oder ob sich in den Gang der Dinge der Arzt oder der Apotheker einmischt und hier sind der Hochschulmedizin zwei Vorwürfe zu machen:
Das Eine ist die bei den Pocken eingeführte, allgemeine Zwangsimpfung. Das ist eine Sünde gegen die Natur und muss energisch bekämpft werden! Wenn man angesichts der Gefahr gesunde Leute gegen eine Ansteckung jeweilig schutzimpft, so ist dagegen nichts zu sagen, aber eine allgemeine rücksichtslose prinzipielle Durchimpfung ganzer Bevölkerungen gegen eine einzige der vielen Bakterienkrankheiten ist ein trauriges Zeichen einer kopflosen Unterwerfung unter ärztliche Herrschsucht, die in eine förmliche Leibeigenschaft ausgeartet ist.
Das Zweite ist, dass man Tiere durch Impfung immun macht und deren Serum zur Herstellung einer käuflichen Apothekerware verwendet und als käufliche Arznei gebraucht. Man mag hier machen, was man will, auf diesem Weg entsteht immer etwas, das sich von dem Naturerzeugnis ebenso unterscheidet, wie ein „Kunstwein“ von einem „Naturwein“. Ein solches derart hergestelltes Serum ist niemals ein so zuverlässiges Heilmittel, wie es z. B. das Serum in der Filzmütze eines afrikanischen Giftzauberers ist. Doch zurück zum Heilmagnetismus.

 


Die Immunität gegen eine bestimmte Seuche kann natürlich ebenso gut erworben werden, wie die Schlangengifte, aber sie kann auch bei einem oder dem anderen Individuum von Natur aus bestehen. Solche Fälle sind bei Pest, Cholera und sonstigen großen Epidemien jederzeit zahlreich aufgetaucht, und es war nur natürlich, dass man solche immune Individuen als Krankenpfleger, Totengräber u.
s. f. verwendete. Es gehört aber keine ausschweifende Phantasie dazu, zu behaupten, dass eine derartig immune Person als Heilmagnetiseur bei Behandlung von Kranken, die an dieser Seuche leiden, mehr oder weniger Heilerfolge erzielen wird, denn eine solche Behauptung kann sich auf Tatsachen berufen. In G. Jaeger, „Die Entdeckung der Seele“ (1879), Seite 320 heißt es:
„Schreinermeister H. in O., 41 Jahre alt, Vater von 5 gesunden Kindern, von denen das älteste
17 Jahre alt ist, wurde als junger Mensch von dem mir gleichfalls persönlich und wegen seiner
Tüchtigkeit und sichern Diagnose allgemein bekannten Oberamtsarzt Dr. Z. in R. an
hochgradiger Tuberkulose behandelt. Kurz bevor er sich – 23 Jahre alt – verheiratete, wurde
ihm von Dr. Z. erklärt, er habe höchstens noch ein halbes Jahr zu leben und auch nur unter der
Voraussetzung, dass er sich jeder Arbeit enthalte und sich vor allem sorgfältigst in Acht nehme.
Nach seiner Verheiratung mit einer kräftigen, gesunden, heute noch blühend aussehenden
Frau, besserte sich sein Zustand sofort und gegenwärtig ist der Mann vollkommen gesund. Sein
früherer Arzt war selbst nicht wenig von dieser Heilung betroffen und riet ihm, sich dafür bei
seiner Frau zu bedanken.“
Der Mann ist als 70jähriger vor kurzem gestorben und zweierlei ist ohne weiteres sicher: 1. Die
Frau wurde von ihrem tuberkulösen Manne nicht angesteckt, war also immun, und wenn
jemand behauptet, dass dieser Mann durch den persönlichen, heilmagnetischen Einfluss seiner
Frau geheilt worden ist, so wird bloß ein eingefleischter Nihilist diesen Schluss belächeln. Ich
behaupte, wenn die Frau seiner Zeit das Gewerbe einer Heilmagnetiseurin ergriffen hätte, so
wären ihr bei Phthisikern große Erfolge beschieden gewesen. 2. Dass der Mann nach dem
Zeitpunkt meiner Angabe in „Die Entdeckung der Seele“ (1879) noch fast 30 Jahre gelebt hat,
beweist, dass ich damals ein richtiges Urteil über „geheilt oder nicht“ besaß.

Machen wir jetzt einen Augenblick Halt. Unsere Auseinandersetzung hat ergeben, dass jeder
gesunde kräftige Mensch dreierlei Sorten von Selbstarzneien besitzt:

1 Die Selbstarznei der Körperoberfläche, aus Hauttalgdrüsen stammende moschusartige,
den Individualgeruch tragende, der ich für den Menschen den Namen „Anthropin“ gegeben
habe;
2 Die Selbstarzneien aller der zahlreichen inneren Organe und Gewebe ohne jede

Ausnahme, welche die Apotheken in Form von Tabletten verkaufen; Die Selbstarznei der Körpersäfte, in Form aller dort vorhandenen, auf bestimmte
Krankheiten sich beziehende Immunstoffe, die „Sera“ der Apotheken.
Diese Tatsache zwingt zu der Frage: Welche Beziehungen bestehen zwischen dem Anthropin des Hauttalgs, d. h. den äußerlichen Selbstarzneien und denen der inneren Organe?
1. Wie uns das Gewerbe der Parfümerie lehrt, besteht eine besondere Anziehung zwischen den Wohlgerüchen und zwar ganz besonders den spezifischen einerseits und den Fettstoffen andererseits. Jene werden von diesen aufgefangen und festgehalten. Daraus ergibt sich bei den Tieren:
a) Eine Beziehung zwischen den Selbstarzneien des Körperinnern und dem Körperfett, das sich um und zwischen den Organen und unter der Haut ansammelt. Das hat seit undenklichen Zeiten dazu geführt, dass das Körperfett der Tiere in der Volkspraxis als Arznei benützt wird und zwar nicht bloß äußerlich, sondern auch innerlich. Dabei hat das Volk die bestimmte und durchaus richtige Vorstellung, dass das Körperfett im Besitz der spezifischen Heilkräfte der betreffenden Tierart ist. Das Volk unterscheidet in der Heilwirkung ganz entschieden zwischen den verschiedenen Tierarten. Von der nihilistischen Schule des vorigen Jahrhunderts, deren Schüler natürlich heute noch leben, ist das selbstverständlich ebenso, wie die Wirkung aller Heilsubstanzen, rundweg geleugnet worden, was zu dem betrügerischen Unfug in den Apotheken geführt hat, Personen, die ein spezifisches Fett verlangen, eben immer „Schweinefett“ doch unter verschiedenen Benennungen zu verkaufen.
b) Es gehört wieder zu der merkwürdigen Zweckmäßigkeit der Natureinrichtungen, dass durch die Talgdrüsen der Haut die ganze Oberfläche der Tiere und des Menschen mit einer Fettschicht überzogen ist. Schon als solche ist sie geeignet alle inneren Selbstarzneien, die ihrer Flüchtigkeit wegen Gegenstand der Hautausdünstung sind, aufzusammeln, wie es das Körperfett im Innern des Körpers tut. Allein die Untersuchungen an dem Wollfett der Schafe haben, wie schon früher kurz erwähnt, einen großen Unterschied zwischen dem Fett des Haut-und Haartalgs und dem inneren Körperfett ergeben. Während dieses sehr geneigt zum Ranzigwerden ist, besitzt der Hauttalg in seiner antiseptischen Eigenschaft einen Schutz gegen das Ranzigwerden. Das hat, wie schon oben gesagt, dazu geführt, dass in den Apotheken das aus dem Schafwollfett hergestellte Lanolin das ranzig werdende Schmalz unserer Schlachttiere immer mehr verdrängt. Umgekehrt ist es für jedes Lebewesen von größtem Wert, dass das Fett seines Hautüberzugs nicht ranzig wird.
2. Eine zweite Erfahrung aus dem Gebiet der Parfümerie ist folgende: Wenn man eine Anzahl verschiedener Bukette zusammengemengt hat, so treten sie unter sich zunächst in keine nähere Verbindung, so dass die Nase eines Kenners aus dem Gemisch jedes Einzelne herausriechen kann. Die Parfümeriekunst hat nun herausgefunden, dass Ambra eine Substanz ist, von der ein winziger Beisatz zu einer Riechstoff-Mischung diese zu einer Einheit verbindet, in der das einzelne Bukett durch die Nase nicht mehr erkannt werden kann. Nun haben mir meine Erfahrungen mit dem Anthropin die Tatsache über allen Zweifel gestellt, dass der Hauttalg nicht bloß ein Hautheilmittel ist, sondern auch auf die verschiedensten inneren Organe (je nach seiner individuellen Herkunft) entschiedene Heilwirkung auszuüben vermag, und so hat sich bei mir folgende Anschauung gebildet: Sämtliche Organ-und Immun-Selbstarzneien kommen mit der Hautausdünstung in den Hauttalg und dort werden sie nicht nur einfach aufgesammelt, sondern in ähnlicher Weise zu einem Ganzen verbunden, wie es die Ambra bei den Bukettmischungen des Parfümierens tut.
Dem mag übrigens sein wie es will, darüber kann kein Zweifel sein, dass alles, was der Mensch an Selbstarznei besitzt, unmittelbar oder mittelbar in die ihn umgebende Atmosphäre gelangt, und dass diese Selbstarzneien nicht bloß im gasförmigen Zustand in der Luft sich befinden, sondern auch in dem sehr leicht sich übertragenden Hautfett. Übrigens für das Auftreten der inneren Selbstarznei in der Ausdünstung gibt es einen Wahrscheinlichkeitsbeweis.
Die zu allen Zeiten von den begabteren Ärzten behauptete Riechbarkeit aller Organkrankheiten beweist, dass die Organgifte, seien sie Selbstgifte oder Fremdgifte, in der Ausdünstung des Kranken auftreten, also flüchtig sind. Warum soll diese Eigenschaft nicht auch den Organarzneien zukommen? Dass wir von einer krankhaften Ausdünstung reden dürfen, steht fest, also wird es wohl auch eine gesunde Ausdünstung geben, und wenn jene von der Anwesenheit krankhafter Stoffe ihren Charakter bekommt, so wird die gesunde den ihrigen von den Gesundheitsstoffen, d. h. den Selbstarzneien erhalten.
Wir müssen hier noch einmal an das Zweckmäßigkeitsprinzip herantreten. Der moschusartige Stoff aus den Talgdrüsen der Haut hat folgende auf seine Zwecke hinweisenden Eigenschaften: a) Eine merkwürdige Widerstandsfähigkeit gegen zerstörende Einflüsse.
b) Die Fähigkeit, ohne wesentlichen Substanzverlust große weit reichende
Fernwirkung auszuüben und durch diese im Dienst der biologischen
Beziehungen zwischen verschiedenen Lebewesen – abstoßend oder anziehend –
zu wirken. Diese Eigenschaft war der sogenannte exakten Wissenschaft
überhaupt so gut wie unbekannt. Als diese erstmals vor Augen trat, was bei der
Entdeckung des Radiums geschah, schuf sie in der Meinung, dass das eine
spezifische Eigenschaft für dieses sei, für sie den Ausdruck „Radioaktivität“.
Infolge dessen schrieb ich in meinem Monatsblatt, 1904, Seite 123:
Radioaktivität: Aus den Tagesblättern werden die Leser längst ersehen haben, das im Lager der Schulweisheit große Aufregung darüber herrscht, dass ein Stoff, „Radium“ genannt, in den kleinsten Mengen unentwegt fortfährt zu leuchten ohne nachweisbar an Gewicht zu verlieren, was gegen alle theoretische Kleiderverordnung verstoße. Dieser Rummel bereitet dem Kenner der – wie sollen wir sagen? -etwa Naso-Aktivität großen Spaß und daran darf mit Fug und Recht auch der teilnehmen, der die Wirksamkeit der „homöopathischen Nichtse“ kennt. Wenn ein winziges Körnchen Moschus jahrelang duftet, ohne merkbar an Gewicht zu verlieren, so ist das die gleiche Leistung, wie das Leuchten des Radiums, und wenn man sich überzeugt, dass ein Kleidungsstück noch jahrzehntelang nach dem Tod seines Trägers dessen Individual-Geruch, an dem sein Hund ihn und seine Fährte erkannte, trägt, so sollte man doch einmal im Lager der „Schulweisheit“, statt fortgesetzt die „Naseweisheit“ mit Spott und Schimpf zu bewerfen (wie erst jüngst wieder im bayrischen Landtag), sich an der eigenen Nase nehmen, seine Ansichten von Molekulargröße durchprüfen und sich darüber klar werden, dass in der Physik ein ungeheures Loch klafft, weil sie keine „Flüchtigkeitslehre“ besitzt.
G. J.
Man wird nun geneigt sein einzuwenden, dass es sich bei dem Auftreten der Selbstarznei in der Ausdünstung und dem durch Berührung übertragenen Hauttalg doch nur um so winzige Mengen handle, dass an eine Heilwirkung bei ihnen nicht gedacht werden könne. Auch diesen Einwurf habe ich durch meine wissenschaftlichen Prüfungen über die Stoffwirkung in Lebewesen * (Anm.: G. Jaeger, Stoffwirkung in Lebewesen, Leipzig 1892. Ernst Günther, jetzt im Verlag von W. Kohlhammer, Stuttgart.) beseitigt und zwar in zweierlei Weise:
a) Mittels der neuralanalytischen Methode habe ich an den verschiedenartigsten
Stoffen den ziffermäßigen Beweis geliefert, dass die Potenzierungsmethode
der Homöopathie vollkommen richtig ist: Mit der Zunahme der Menge
einer Arznei wächst die Giftwirkung, umgekehrt mit der Abnahme der
Menge, also der Verdünnung, die Heilwirkung.
b) Bei meinen Heilversuchen mit Anthropin war dieses noch weit mehr
verdünnt, als in der Ausdünstung.
Auf diese Weise kommen wir zu folgender Vorstellung von der Ausdünstungsatmosphäre eines gesunden Menschen: Es ist in der nicht bloß die in dem Hautfett enthaltene, die individuellen Wittrung bildende, moschusähnliche Selbstarznei vertreten, sondern auch alle Selbstarzneien der inneren Organe in der für eine „Inhalationstherapie“ geeigneten Form und Menge.
Wenn Vorstehendes richtig ist, so kommt der Gesundheit eines Menschen auch das zu, was man von der Krankheit so oft sagt, sie sei ansteckend. Dem entspricht die biologische Tatsache, die bei Mensch und Tier beobachtet werden kann, dass gesunde, namentlich kräftige Personen einen wohltätigen, den Kranken vielfach deutlich zum Bewusstsein kommenden heilsamen Einfluss schon durch ihre bloße Anwesenheit ausüben. Das können z. b. fast alle Ärzte, mögen sie heilen mit was sie wollen, erfahren, dass ihre Kranken sich in ähnlicher Richtung äußern. Bei Eheschließungen kommt deshalb auch beiderlei vor, nicht bloß Krankheitsübertragung von dem Kranken auf das Gesunde, sondern auch das Gegenteil, Kräftigung und Gesundung der Schwächeren, Kränklichen, falls die andere Ehehälfte eine überlegene Gesundheit besitzt.
Damit stehen wir dicht vor dem Heilmagnetismus. Magnetisieren kann jeder Mensch; aber mit Erfolg als Heilmagnetiseur auftreten, setzt eine kräftige, überlegene und möglichst allseitige Gesundheit voraus. Wenn eine solche Person auch gar nichts tun würde, als einem Kranken eine halbe Stunde Gesellschaft leisten, so hätte sie an ihm eine Arbeit verrichtet, für die sie des Lohnes wert ist.
Der Heilmagnetiseur übt bei seiner Sitzung durch das Streichen eine körperliche Arbeit aus, die den Stoffwechsel im ganzen Körper steigert und damit auch seine Ausdünstung, nicht bloß die der Hautoberfläche, sondern auch der Lungenausdünstung (siehe oben); denn aus all dem Vorgetragenen erhellt, dass der Einfluss eines berufenen Heilmagnetiseurs, soweit es sich um stoffliche Dinge handelt, einem Einatmungsverfahren gleicht, so wie es bei vielen Heilbädern, insbesondere gerade bei den Radiumquellen, geübt wird. Von letzteren haben jetzt auch die Versuche der Schulärzte nachgewiesen, dass ihre Heilwirkung nicht durch die Haut, sondern durch die Nase, also inhalatorisch zustande kommt, genau so wie ich das schon im Jahre 1879 mit meiner Neuralanalyse an dem Thermalwasser nachwies.
Damit sei die Veröffentlichung abgebrochen. Der zweite Teil, der den Titel hat: „Die Lebensbewegungen und der Heilmagnetismus, folgt in besonderer Ausgabe, denn auch in diesem Punkt fehlt es an der richtigen Erkenntnis.

 


Stuttgart, Ostern 1908
Prof. Dr. G. Jaeger

 

 

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