Anthropine
Anthropine   

Das wahre Glück - von Gustav Jaeger

 

 

„Was ist das höchste Gut des Menschen? Was das Ding?

„Das, wenn er’s hat, ihm gibt das wahre Glück?

„Kann’s jeder finden, oder ist’s der blinde Zufall,

„Der’s nur dem Günstling in die Arme wirft, indes

„Viel tausend andern neidisch er’s versagt?“

 

So hört man manchen fragen, wenn an Wendepunkten

Des Lebens er zurückschaut auf vergang’ne Zeit.

Mir träumte jüngst, zwar halt ich nichts auf Träume,

Doch lag Bedeutung drin, drum werte Freunde,

Wenn’s Euch nicht langweilt, will den Traum ich künden.

 

Ich schlenderte dahin durch Wald und Feld

Planlos die Kreuz und Quer, nach Schmetterlingen,

Nach Käfern, Blumen sucht ich da und dort,

Erhascht ich einen, groß war meine Lust,

Schlug ich daneben, grämt ich mich nicht lange.

Wohl kamen Gräben, in die in der Hast

Hinein ich fiel, was tat’s? Ich stand nur auf,

Um meine Jagd aufs neue fortzusetzen.

 

Und während ich so ging, fand ich  ‚ne Straße.

Ich folgte ihr und kam in eine Stadt.

Da sah ich viele Häuser, sah die Leute

Geschäftig rennen, eilen, ein Gewühl

Wie Ameishaufen wars, das mich umringte.

„Was sucht Ihr?“ fragte ich; „Des Lebens Glück!“

Sprach ich zu mir, „Nein, Schmetterlinge, Blumen, „wie könnten die das Glück des Lebens sein!“

„Was tun? Hier wo so viele suchen,

Da muss es Einer doch wohl schon gefunden haben;“

So dacht ich und besah die Stadt genau.

 

Der Armen Hütten ließ ich seitwärts liegen,

Nur der Paläste Glanz zog an mein Aug.

Ich trat hinzu, durch hohe Spiegelscheiben

sah ich auf Samt und Seide ausgebreitet

des Reichtums Schätze und was schuf die Kunst;

und was an Sinneslust die Welt nur bot,

genossen die, so in dem Hause wohnten.

Die haben’s wohl gefunden? sagt ich mir.

Doch als mein Auge drang in ihre Brust!

Was fand ich dort? Nur schnöden Katzenjammer!

In dem Gehirne hört ich nagen leis den Wurm,

Auf den Gesichtern lag der Krankheit bleiche Farbe

Und so gleichgültig sah ihr Aug nach all den Schätzen,

als ich die Nessel anblickt, wenn ich Rosen suchte.

 

Getäuscht wand ich dem Haus den Rücken, weiter ging ich.

An dem Palast des Herrschers angekommen stand ich still.

Hier auf der Macht und Ehre höchstem Gipfel

sind da vielleicht die, die das Glück gefunden?

Ich sah sie all’ die hohen Würdenträger

umringt von Schmeichlern und bedeckt mit Orden,

sie gingen ab und zu geschäft’gen Schrittes

in wicht’ge Falten das Gesicht gelegt –

„Der Menschheit Wohl“, dacht ich , „ist ihre Sorge!“

Doch als ich näher trat: Marionettenpuppen.

Nur waren hier, was mir Bewegung schien,

War wie beim Scherenspiel nur eitel Täuschung,

Sie blieben stets am selben Nagel stecken,

Um’s Ich nur drehten sie sich rings im Kreise.

Als drauf ins Herz ich ihnen blicken wollte

Da fand ich keins, sie waren ausgebälget.

 

Kaum war ich weg, da hört ich tief im Boden

Ein Murren, Donnern, sah ich Mauern schwanken,

Die Erde bebte und verschlang das Ganze.

Fort floh ich aus der Stadt und dacht im Herzen:

„Wenn Ihr d a s Glück nennt, dann behalt’s für Euch

„Da jag ich lieber nach den Schmetterlingen.“

 

Mein Fuß trug mich auf eines Berges Spitze,

Rings lag die schöne Landschaft vor mir ausgebreitet

Mir war so wohl hier in der freien Luft.

„Natur, rief ich, zeig mir den Weg zum Glücke,

„Denn wo’s so schön ist, muss das Glück ja wohnen.“

Da trat ein Zwerg heran – „wer bist du?“ fragt ich.

„Des Berges Seele“, lautete die Antwort.

„So sag mir, bist Du glücklich?“   „Ja“.  „Wieso?“

„Wird stets Dein Haupt so kühn zum Himmel ragen

„Der Wälder Mantel Deine Schultern schmücken

„Und gürten Dir den Fuß die blum’ge Au?“

„Nein“, war die Antwort, „hört Dein Ohr nicht rieseln

tief in dem Innern mein die Wasserquellen,

wie sie belecken und benagen mein Gebein

und Korn um Korn als Sand davon es tragen?

Zerbrechen werd ich einst wie Eierschalen

und sinken in mein Grab so wie der Mensch!“

„Wie ists dann möglich, dass Du glücklich bist,

wenn so Dein Ende Du vor Augen siehst?“

Darauf der Zwerg: „Ich sterbe, ja! Doch siehst Du rollen

im Bache dort das Sandkorn? ‚s ist mein Kind!

So schick ich jährlich Tausende hinaus, sie trägt

der Fluß zum Meer, sie wachsen und gedeihen

und wenn zerbrochen dann mein letzter Rest, so steht

im Meer ein Berg, der, kommt die Zeit, sein Haupt

vielleicht noch kühner als ich meines, trägt.“

So sprach er und verschwand.

 

Noch saß ich da und sucht der Worte Sinn, die er gesprochen,

als eine Duftgestalt sich nahte – „Wer bist du?“

„Des Baumes Geist, an dessen Fuß Du ruhst.“

„Bist du auch glücklich, wie der Berg dahier?“

„Gewiss! Zwar sterb auch ich, Du hörst in mir den Wurm.

Bald wird der Wind den morschen Stamm zerbrechen,

doch sieh im Grase rings die Früchte mein! Sieh dort

aus meinen Wurzeln neue Zweige sprießen.

Wenn mich der Wurm zernagt, der Wind gefällt,

stehn s i e als stolzer Wald auf meinem Grab.“

So sprach sie und verschwand.

 

Ich ward hinweggerückt

an eines Flusses Rand, der seine Wasser

rastlos dahinwälzt zwischen Erlenbüschen.

„Woher, o Fluß Dir die Unsterblichkeit?

Warum versiegt der Quell nicht, der Dich nährt?“

„Siehst Du die Wolke dort, den Tropfen Tau,

der hänget in der Blume zartem Kelche?

Siehst Du dort oben auf dem Hochgebirge

des Schnees Flocken und den Eiskristall?

Das sind die Kinder mein, ich sandt’ sie aus.

Wenn einst des Sommers Sonne gierig an mir sauget,

Wenn ich von Frostes Macht gefesselt liege,

dann kommen meine Kinder, neue Wellen

erfüll’n das alte Bett, das ich gegraben

und wenn ich längst schon lieg im Schoß der Meere,

dann strömen sie, ein n e u e r Fluß, den a l t e n Weg.“

 

 

So sang der Wellen Spiel; ich aber rief:

„Dank dir Natur! Was ich gesucht, in dir

hab ich’s gefunden! Ja, das höchste Glück

des Lebens ist Bewusstsein der vollbrachten Tat.

Die Werke, die man schafft, die Schar der Kinder

des Leibes und des Geistes, die zurück man lässet,

sie sind es, die dem Menschen, wenn er sinkt in Staub,

Unsterblichkeitsbewusstsein in die Seele gießen.

 

Das Schaffen ist des Lebens höchstes Glück,

Nur der ist arm, der seine Zeit nicht nützet!“

 

Gustav Jaeger

 

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